Mein neues Leben – schwerer Unfall 2010

Von der Schippe gesprungen

– oder –

Mein neues Leben

 Sonntag, 09. Mai 2010 – Muttertag

Gestern habe ich mir bei Louis Reinigungsmittel für mein Motorrad gekauft. Denn seit meinem Umzug in mein Fachwerkhaus in der Eifel habe ich das Glück, dass meine FJR1300 im Erdgeschoss in der warmen Waschküche parkt. Dort kann ich im geheizten und trockenen Raum putzen, wienern und polieren, bis die Dame wieder blinkt!

Gegen 14 Uhr schaue ich raus und bemerke, dass sich sogar die Sonne wieder blicken lässt. Rufe meine Mutter an, gratuliere als braver Sohn und sage ihr, dass ich wegen des unerwarteten Sonnenscheines eine Runde mit dem Motorrad fahren werde und sie nicht besuchen komme. Ist auch nicht schlimm, denn meine Schwester ist zum Kaffee bei ihr.

Ziehe meine Sicherheitskleidung an, streife stolz die gestern gekauften neuen HELD-Handschuhe über und beschließe nach Adenau zum Nürburgring zu fahren. Über kaum befahrene Nebenstraßen geht es nach Breidscheid. Parke meine FJR (EU-YH 1) neben einer Bonner FJR (BN-YA 1). Muss mal im Forum nach dem Besitzer fragen. Denn diese Maschine begegnete mir bereits Ende April schon mal im Ahrtal.

Am Ring ist schon viel los, beginnt doch in der kommenden Woche das 24-Stunden-Rennen. Also aufgesessen und über die Hohe Acht zum „Brünnchen“. Der Parkplatz ist schon rappelvoll mit Wohnmobilen, skurrilen selbstgebauten Tribünen auf die sogar alte Sofas gestellt wurden und vielen Gartenpavillons. Der eingefleischte 24-Stunden-Rennen-Fan scheint auch ein 1-Woche-direkt-an-der-Rennstrecke-Camper zu sein. Ist mir zu viel Remmi-Demmi hier.

Werde über Jammelshofen durchs Kesselinger Tal und dann über Bad Münstereifel nach Hause fahren. Die Polierwatte wartet ja schon.

Der Unfall

Fahre geruhsam los. Jammelshofen, Kaltenborn, Herschbach, Weidenbach. Direkt hinter dem Ortsausgang eine leichte Linkskurve. Plötzlich kam mir ein Auto entgegen. Auf meiner Seite denke ich mir. Haue noch rechts gegen meinen Lenker, um das Ausweichmanöver zu schaffen. Dann schlage ich auch schon frontal in das Auto ein.

Mein letzter Gedanke: Lass den Lenker los, damit du sauber abfliegen kannst…

Es wird weiß vor meinen Augen. Den Flug bekomme ich nicht mit. Aber was danach kommt schon. Stehe benommen auf und der Fahrer des Fahrzeuges kommt auf mich zu. Meine rechte Hand ist gebrochen. Das spüre ich. Aber ich kann noch stehen.

Ob ich die Polizei anrufen kann, fragt der Autofahrer. Er hätte kein Handy. Ich setze mich erstmal in den Straßengraben. Die Leiste tut weh. Wähle 112 und habe komischerweise die Polizeidienststelle dran. Berichte vom Unfall und bitte um einen Krankenwagen.

Da mein Genick funktionierte und ich nirgendwo blutete, hatte ich den Helm bereits ausgezogen. Hätte ja sonst schlecht telefonieren können.

Meinen Freund Widger rufe ich auch sofort an, denn er wohnt in der Nähe.

Anschließend bewege ich meine Beine, Füße, Arme und dehne den Rücken. Keine Schmerzen. Außer im Leistenbereich. Okay, der Schockzustand mildert die Schmerzen, das ist mir bewusst. Aber Wirbelsäule und Kopf reagieren noch ganz normal.

Mein übriggebliebenes Etwas von Motorrad sehe ich links liegen. Dass es nur noch Schrottwert hat, ist mir zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst. Andere Motorradfahrer kommen. Geben mir Wasser zu trinken und decken mich mit einer Decke ab.

Auch die freundlichen Kommissarinnen – schon im neuen silber/blauen Outfit (das grün/beige der Vergangenheit hätte meinen Schock wahrscheinlich noch verstärkt 🙂 nehmen meine Daten auf. Sie fotografieren die Unfallstelle, was mir recht ist, um später die Schuldfrage feststellen zu können. Ebenfalls möchte ich hervorheben, dass die beiden Damen wirklich freundlich sind und mir ihre Arbeitsweise sehr erfahren vorkommt.

Die beiden Motorradfahrer, die mich die ganze Zeit unterstützen, sind die niederländischen Inhaber des Gasthaus am Tunnel in Altenahr. (www.amtunnel.de). Sie kümmern sich wirklich rührend um mich. Dass sie die Inhaber des Lokales sind erfahre ich nur, weil sie mir unbemerkt freundlicherweise eine Visitenkarte in die Geldbörse stecken. Hier mein ausdrücklicher Dank an die beiden!

Der Krankenwagen ist auch angekommen. Ebenfalls findet sich eine Unfallärztin ein, die entweder in der Nähe wohnt oder zufällig dort anwesend war. (Sie heißt XXX und schrieb mir sogar in der Woche nach dem Unfall eine Email, worin sie sich nach meinem Zustand erkundigte)! Bis zur Einlieferung ins Krankenhaus hat sie mich professionell versorgt.

Apropos Krankenhaus. Adenau war belegt, eventuell geht’s nach Bad Neuenahr. Es wurde in Neuenahr angerufen und mitgeteilt, dass wir in 20 Minuten dort sein müssen. Ich sagte dem Krankenwagenfahrer, dass dieses doch eine der leichtesten Aufgaben für ihn sein würde. So entfachte ich seinen sportlichen Ehrgeiz.

Die Trage wurde vor mich auf die Straße gelegt, man half mir aus dem Graben und ich konnte mich mehr oder weniger selbstständig (die neue deutsche Rechtschreibung sieht manchmal doch gewöhnungsbedürftig aus) auf die Trage legen. Alle Umstehenden wünschen mir viel Glück und gute Besserung. Das wünsche ich mir auch. Luftpolster aufgepumpt, in den Krankenwagen und los geht das Rennen.

Die Unfallärztin sagte mir noch, dass sie mir den gebrochenen Arm ein wenig richten möchte. Dafür verpasst sie mir ein Betäubungsmittel. Rosa Elefanten fliegen durch die Luft, die Gesichter verschwimmen zu undefinierten Gebilden, die Stimmen sind nicht mehr zu erkennen. Das ganze beweist mir wieder einmal, dass es richtig war, nie im Leben Drogen genommen zu haben. So was brauche ich nicht!

Die Stimmen werden wieder verständlich, ich bitte drum, Widger anrufen zu dürfen, um ihm zu sagen, dass ich nach Bad Neuenahr gebracht werde.

Pünktlich kamen wir im Krankenhaus an. Ich gratulierte dem stolzen Fahrer zur Rekordzeit, in der er mich und meine Begleiter zum Krankenhaus kutschierte.

Direkt zum Röntgen und danach noch eine Computertomografie durchgeführt. Keine inneren Verletzungen. Die Speiche (Radius) gebrochen und ein gesprengter Beckenknorpel. Ansonsten half mir meine ausgeprägte Muskulatur und, vielleicht auch, meine Erfahrung im Hinfallen aus schnellen Geschwindigkeiten beim Handball dabei, dass ich nicht ernsthafter verletzt war.

Zusammengefasst:

Mein trainierter Körper, die niedrige Geschwindigkeit (der Tacho blieb im 60er Geschwindigkeitsbereich stehen), richtiges Abrollen, ein wenig Glück und auch Gott halfen mir, den Geburtstag in mein neues Leben zu feiern! Ich LEBE!!!

Derweil führte Schwester Claudia im Krankenhaus die erste Intimrasur meines Lebens durch. Da ich nicht mehr Wasser lassen konnte – mein ganzer Unterkörper war ein riesiges Hämatom – bekam ich einen Katheter verpasst. Meine letzte Nahrungsaufnahme war irgendwann morgens. Also konnte ich gefahrlos gegen 19 Uhr operiert werden.

Widger nahm mir dankenswerter Weise meine ganze Motorradkleidung ab. Führte noch ein paar Telefonate für mich durch und wartete lieb vor dem OP.

Oberarzt Dr. Schneider kam gerade vom Essen. „Gefüllter Bauch – operiert gut auch…“ sagte ich mir. Er lächelte freundlich und sagte, dass alles gut werden wird. Zum zweiten Mal am heutigen Tag wünschte ich mir dieses auch und schlief narkotisiert ein.

Nachdem ich rund zwei Stunden später aufwachte, legte mir Schwester Claudia noch den Gips an. Ich wurde auf ein Zimmer in die 4. Etage verfrachtet. Schmerzen hatte ich keine. Die OP sei gut verlaufen, meinte der Doktor noch unten.

Ein Mitpatient lag im Zimmer. Er schnarchte laut. Dieses Schnarchen würde mich noch eine gute Woche begleiten. Aber das wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Mein Freund Ralf sandte mir eine „Gute-Besserung-SMS“, wurde er von Widger doch sofort informiert. Wir drei waren im vergangenen Jahr mit den Motorrädern gemeinsam am Nordkapp.

Die Nachtschwester kümmerte sich rührend um mich und schaute regelmäßig nach mir. Wie ich später erfuhr, ist sie ebenfalls Bikerin (mit einer 150 PS-Maschine).

Montag, 10. Mai 2010

Gegen 6 Uhr war ich wieder oder immer noch wach. Denn mein Zimmergenosse Mario sägte in den vergangenen Stunden den ganzen Ahrwald nieder!

Durch die Diagnose meines gesprengten Beckenknorpels durfte ich nur auf dem Rücken liegen. Nicht sitzen, nicht in die Seitenlage. Das bedingte natürlich, dass ich gewaschen werden musste. Jaja, überall. Auch an den schambehafteten Teilen. Und das tat höllisch weh.

Denn vor meinem Absprung vom Motorrad drückte ich mit meinen Weichteilen erst nochmal einen Knick in den Motorradtank. Da die Weichteile eben weiche Teile und nicht für derartige Manöver geschaffen sind, hatten sie am kommenden Morgen, also heute, auch die entsprechende Farbe angenommen.

Weil ich mich nicht aufsetzen und selber nachschauen konnte, musste ich mich auf die Beschreibung der Schwestern und Ärzte verlassen. Blau-schwarz war des Mannes beste Zier, hieß es aus deren Munde. Der Schmerz hatte ein Vielfaches von dem Schmerz, der Männer überkommt, wenn sie beim Fahrrad fahren aus irgend einem Grunde plötzlich mit den o.a. Weichteilen auf die Stange fallen.

Übrigens musste mich die erste Frau, die mich zart an meinen Weichteilen berührte, im Jahr 1984 heiraten. Gut, dass die Schwestern das nicht wussten 🙂

Die OP-Narbe am Bauch spürte ich ebenso wenig, wie die Narbe am Unterarm. Die Ärzte wirkten bei der Visite sehr zufrieden mit ihrer Arbeit. Der Witz eines Arztes, dass des Mannes beste Stücke zwar blau sind, aber zukünftig sicher wieder zu gebrauchen wären, löste bei den Ärzten Freude und Gelächter aus. Nur die Krankenschwester fand den Männerwitz nicht angebracht.

Den ganzen Tag schlief ich immer wieder. Die Drogen und OP-Nachwirkungen ließen grüßen. Mein Zimmernachbar war eine gute Seele und schenkte mir laufend Wasser aus der Flasche nach und öffnete mir die neuen Flaschen immer. Denn mit der rechten Hand konnte ich  nichts machen und der linke Arm schmerzte doch noch wegen der Stauchung und Prellung. Aber für das Schnarchen der letzten Nacht sollte Mario auch Buße tun. Abends lies ich mir dann Ohrenstöpsel geben. Eine segensreiche Erfindung. Die kommende Nacht schlief ich ziemlich gut.

Außerdem hatte ich heute Besuch über Besuch. Der erste Tag im Krankenhaus ist schon anstrengend. Die ganzen Audienzen, Telefonate und SMS. Aber jeder war froh, dass ich noch am Leben war.

Ich natürlich auch.

Kurz ein anderes Thema eingeschoben:

Da ich bekanntlich alleine in meinem Haus im Eifeldorf Weyer wohne und meinen Aufenthalt in Bad Neuenahr nicht geplant hatte, musste ich eine Logistik entwickeln, wie ich an meine Klamotten kam. Bin ja in voller Motorradmontur eingeliefert worden.

Und hier der ausdrückliche Dank an meine Nachbarin und Arbeitskollegin Petra. Sie hat meinen Hausschlüssel für Notfälle. Und dieser war ja nun zweifelsohne eingetreten. Sie suchte mir meine Klamotten, Zahnbürste usw. zusammen. Diese brachte Sie dann nach Köln-Marsdorf in mein Büro. Dort wiederum sammelte Widger die Sachen ein und brachte sie mir abends ins Krankenhaus. Diese Logistik wurde für 14 Tage beibehalten. Danke Petra!

Dienstag, 11. Mai 2010

In der zweiten Nacht schlief ich besser, obwohl Mario immer noch den ganzen Wald abrodete.

Der Ablauf des Tages wird immer der gleiche sein.

Wecken, Waschen (im Bett natürlich), Frühstücken (im Liegen), Visite, Mittagessen, Abendbrot. Und mit Glück zwischen drin noch Besuche und Telefonate.

Ein neuer Mitpatient kam. 150 Kilogramm verteilt auf 198 cm. Wenn diese Maße sich nachts im Bett wälzten und unruhig bewegten, kann man sich vorstellen, dass der Säger Mario nicht immer das größere Übel darstellte.

Aber ich durfte froh sein überhaupt noch zu Leben. Eigentlich sollte ich dankbar sein, diese Nächte erleben zu dürfen. Nur in den nächtlichen schlaflosen Momenten dachte ich nicht immer an meine Freude…

Heute wurde das Becken nochmals geröntgt. Vorher wurde die Bauchdrainage (falls man das so nennt) entfernt. Der Arzt meinte anschließend, dass alles (Röntgenbild und Narbe) sehr gut aussähen. Und ich war froh, dass ich auf der Reise zum Röntgenraum auch mal andere Decken des Krankenhauses, außer meiner Zimmerdecke, inspizieren konnte.

Mittwoch, 12. Mai 2010

Bald ist das ganze Ahrtal baumfrei dachte ich am kommenden Morgen. Aber Mario darf heute vielleicht schon nach Hause. Super Idee, denn Umwelt (ich) und Naturschutz (Ahrwald) fangen schon im Krankenhaus an. Jedoch wollte die Visite Mario noch nicht entlassen. Freitag ist auch ein Tag. Gut, dachte ich bei mir, habe mich an die Ohrstopfen sowieso schon gewöhnt.

Arm röntgen war angesagt, also wurde ich wieder auf Deckeninspektion geschoben. Denn alles, was vor der Tür auf der Station oder unten im Erdgeschoss passierte, bekam ich nur durch Mario mit. Er war in der ersten Krankenhauswoche meine Ohren und meine Beine. Wäre er auch meine Nase gewesen, dann hätte ich mich natürlich sofort um die Schnarchpolypen gekümmert 🙂

Noch ein Erfolgserlebnis. Heute hatte ich meine erste Physiotherapie mit Heiner. Übrigens war Heiner der einzige im Krankenhaus, der mir bewusst Schmerzen zufügte. Er quälte mit sanftem Gesicht und seinen unsichtbaren und sadistischen Gefühlen, lächelnd meinen lädierten rechten Arm.

Eine der Übungen war, dass ich mit der rechten Hand eine Faust bilden sollte. Diese Faust bog mir Heiner langsam nach vorne. Der Schmerz, der mich durchflutete, hätte mich in besseren Zeiten zu einem tödlichen Kinnhaken verleitet.

Heiner lächelte jedoch nur und meinte, dass alles so sein muss. Und meine Zimmergenossen sagten, ich solle doch nicht so ein Weichei sein. Ja, ja, wer den Schaden hat…

Seit heute bin ich, außer dem Blasenkatheter, alle Kanülen los. Das tut gut und ist zumindest ein mentaler Fortschritt.

Die Stationsbesatzung hat heute ihr jährliches Sommerfest. Sie ziehen auf eine Hütte an der Ahr. Sollen mal prüfen, ob noch Wald vorhanden ist, sage ich süffisant und mit Blick auf meinen Zimmernachbarn. Viel Spaß wünschen wir natürlich auch.

Donnerstag, 13. Mai 2010 – Himmelfahrt oder Vatertag

Für den Feiertag hatte sich wieder viel Besuch angekündigt. Pfleger Matthias zauberte mein Bett in eine aufrechtere Position. So lag ich, konnte meinem Besuch jedoch besser in die Augen schauen, als im waagerecht liegenden Zustand.

Also nochmal ganz langsam: Ich lag zwar immer noch, aber eben mehr senkrecht.

Seit Sonntag hatte ich keine Verdauung gehabt. Klar, ich habe mich ja so gut wie gar nicht bewegt. Langsam drückte mein Bauch. Erst mal versuchen wir es mit einem Zäpfchen. Als dieses nicht half, gab mir Matthias ein Töpfchen Mandelmilch (Rizinus). Schnell noch eineinhalb Liter Wasser hinterher gekippt. Soll funktionieren. Bei mir natürlich nicht. Sondern erst am Folgetag. Die armen Schwestern hatten dafür dann genügend mit mir zu tun, weil ich mich ja nicht bewegen durfte.

Die Pfanne:

  1. A) Ein Gegenstand, den man in der Küche benötigt, um schmackhafte Dinge zuzubereiten.
  2. B) Ein Gegenstand, den man als Verteidigungsmittel und Schlagwaffe gegen unerwünschte Besucher verwenden kann.
  3. C) Ein topfartiges Gefäss, welches unter liegende Patienten geschoben werden kann, damit sich diese um ihren Stuhl (a: AA, b: Sitzmöbel, in meinem Fall natürlich Lösung aa) erleichtern können.

 Freitag, 14. Mai 2010

Bei der Visite wird entschieden, meinen Katheter zu ziehen. Freude kommt in mir auf. Schlauchlos wie ein moderner Reifen werde ich sein.

Aber erstens kommt alles anders und zweitens als man denkt.

Mein Sadist kommt auch gleich. Da der Gips bei der Visite abgenommen wurde, habe ich heimlich schon Handübungen gemacht. Aber Therapeut Heiner schafft es dennoch, mir Schmerzen zuzufügen. Schön ist es immer wieder, wenn ich den Gips angezogen bekomme und der Schmerz so langsam nachlässt.

Mittlerweile habe ich 1 1/2 Liter Wasser getrunken. Die Blase drückt innerlich und äußerlich auf das Hämatom. In die Flasche kann ich nicht machen. Alles „untenrum“ tut höllisch weh. Vor Schmerzen fange ich an zu stöhnen. Schweißausbrüche folgen. Nach Stöhnen kommt Schreien. Ich klammere mich mit der linken Hand an den Griff über meinem Bett. Verkrampfe total. Solche Schmerzen hatte ich meinen Lebtag noch nicht! Schrei weiter, irgendwann wird die Ohnmacht kommen, denke ich noch.

Nach gefühltem stundenlangem Warten kommt Pfleger Matthias. Sofort sieht er was los ist und legt mir einen neuen Katheter. Das ist der schönste Katheter meines Lebens!

Die Pfanne habe ich heute schon öfter – jedoch nicht zum Kochen – benutzt, der Schmerz im Genitalbereich lässt langsam nach und durch den Blasenstress bin ich ziemlich müde geworden. Daher schlafe ich trotz aller Holzfäller Bemühungen seitens Mario entspannt ein.

Samstag, 15. Mai 2010

Alles wie üblich. Frühstück, Mittag etc.

Mario soll entlassen werden, aber die Ärzte finden bei ihm einen Abszess an der linken Schulter, der operiert werden muss. Dafür, dass Mario wegen eines Schulterbruchs der rechten Schulter eingeliefert wurde, hat er die A-Karte gezogen. Operation wird für den heiligen Sonntag angesetzt.

Mein Besuch wird abgearbeitet und abends läuft das DFB-Pokalfinale Bremen gegen Bayern. Auf dem wunderbaren 4 geteilt durch 3 Fernseher sieht man kaum den Ball. Aber den Bayern ist das egal und sie schießen 4 Tore gegen die erfolglosen Bremer.

Sonntag, 16. Mai 2010

Der Besuch gibt sich heute die Klinke in die Hand. Allerdings ist damit gegen 15 Uhr schon Schluss.

Viel Sport kommt im Fernsehen. Auch das 24-Stunden-Rennen, welches am benachbarten Nürburgring statt findet.

Abends bin ich früh müde und um 22 Uhr ist das Licht schon aus.

Mitternacht. Ich werde von Stimmen auf dem Flur wach. Beide Nachtschwestern reden auf eine ältere Dame ein, die tagsüber schon unangenehm auffiel. Sie ist zusätzlich zu ihrem gebrochenen Bein auch noch dement und aggressiv.

Plötzlich geht unsere Zimmertür auf und die ältere Dame kommt, gefolgt von der auf sie einredenden Krankenschwester, schimpfend in unser Zimmer. Die Schwestern sollen sie in Ruhe lassen und nicht schlagen, knattert die ältere Dame lautstark in den Raum. Dann orientiert sie sich. Geht zum Fenster und schließt dieses, weil ihr kalt ist.

Mario ist derweil wieder im Wald und sägt auf Teufel komm raus, sprich: er bekommt von der Furie nichts mit.

Mittlerweile sind beide Nachtschwestern im Zimmer und reden auf die – sich auf einen Stuhl niedergelassene – Dame ein. Jedoch lässt sie sich zu nichts bewegen, erst recht nicht dazu, unser Zimmer zu verlassen.

Eine Schwester rollt das Bett der Dame in unser Zimmer, aber diese will partout nicht vom Stuhl aufstehen. Also wird sie samt Stuhl in Richtung ihres Bettes geschoben. Als die Dame das bemerkt, zetert sie wieder aufmüpfig über alles her.

Bett aus dem Zimmer, die Dame mit Stuhl aus dem Zimmer gezerrt. Türe zu.

Anschließend höre ich eine Nachtschwester vor unserem Zimmer Gute-Nacht-Lieder singen. Vom „La, le, lu, nur der Mann im Mond schaut zu“, über den aufgehenden Mond und prangende Sterne und vieles mehr.

Ich schlafe ein, draußen dauert es wohl noch lange, bis die Frau endlich schläft.

Montag, 17. Mai 2010

Heute wird ein großer Tag für mich. Der Katheter wird nochmals gezogen und ich darf aufstehen. Nach 8 rückenliegenden Tagen im Bett bin ich total aufgedreht.

Seit dem ersten Krankenhaustag habe ich leichte Kraftübungen mit den Beinen gemacht, damit ich heute nicht direkt muskellos umkippe.

Vormittags kommt der Physio-Sadist Heiner, um meine Hand zu be-üben. Aber auch hier habe ich am Wochenende gut vorgearbeitet. Er ist positiv überrascht, wie dehnbar meine Hand schon ist. Jedoch hat er gute Übung darin, mir zu zeigen, dass dennoch genügend Schmerzen in der Hand vorhanden sind.

Gegen 14 Uhr besuchte er mich erneut mit einem Rollwagen. Juchhu, ich lerne wieder gehen.

Zuerst langsam aufrichten. Nach 8 Tagen in liegender Position eine neue Situation. Auch für den Kreislauf. Der fängt sich jedoch rapide.

Den linken Fuß darf ich nicht belasten, werde ich gemahnt. Also den rechten Fuß aufgesetzt, das Knie durchgedrückt und aufgestanden. Das leichte Krafttraining der letzten Tage hat sich gelohnt. Ein paar mal laufe ich den Flur rauf und runter. Dann gehe ich angestrengt zurück ins Zimmer. Mental fühle ich mich so gut, wie lange nicht mehr. Allerdings nimmt der Therapeut den Rollator wieder mit. Ist also nichts mehr mit Gehen für heute. Schade.

Später ist meine Blase wieder gut gefüllt und drückt auf das Hämatom. Klug geworden durch meine Freitagserfahrung fragte ich eine Schwester nach Abhilfe. Sie gab mir ein Zäpfchen, welches für die nötige Entspannung sorgen sollte. Aber „sollte“ ist im Konjunktiv und so kam es natürlich nicht zur gewünschten Entspannung.

Ohne Schwester Ophie hätte sich sicher wieder eine schmerzhafte Tortour ergeben. Aber sie schob mich ganz ruhig auf meinem „Kack-Stuhl“ über die geöffnete Toilette. Den Wasserhahn drehte sie auf und dann meinte sie nur, ich solle mich entspannen.

Und genau dieser Trick funktionierte. Danach hatte ich keine

Die Hodenbank:

Was ist das?

Man stelle sich ein kleines Kissen mit den Maßen ca. 15 cm Breite, ca. 10 cm Tiefe und ca. 5 cm Höhe vor.

Wie funktioniert es?

Das Gemächt des Mannes besteht aus Penis und Hodensack. Auch diese beiden unterliegen dem Gesetz der Schwerkraft und hängen so vor sich hin, nämlich nach unten. Hat der Mann nun ein Hämatom, bzw. die o.g. Teile geprellt, werden diese nicht nur blau, sondern schmerzen beim Hängen extrem.

Die Lösung:

Also wird die Hodenbank unter seine Namensgeber geschoben, um die Schwerkraftgesetze zwar nicht auszuhebeln, aber vorübergehend außer Kraft zu setzen. Funktioniert übrigens nur bei Liegendpatienten, so wie ich eben einer bin/war.

 Dienstag, 18. Mai 2010

Nach dem Waschen – heute darf ich das zum ersten Mal ganz alleine – freue ich mich schon auf die Visite. Die Ärzte sind mit meinem Krankheitsverlauf sehr zufrieden.

Anschließend Physiotherapie für meine Hand. Natürlich schmerzt es jedes Mal, aber ich kann meine Hand ebenso jedes Mal weiter bewegen. Die Quälerei mit Heiner hatte also sein Gutes. Ich bitte ihn, wenn er nachmittags kommt, mir den Gehwagen doch hier zu lassen.

Und das tut er auch. Wir gehen ein wenig auf dem Flur hin und her. Keine Schmerzen, keine Konditionsprobleme. Fühle mich so frei!

Am späten Nachmittag fahre ich mit meinem Rollator im Aufzug ins Erdgeschoss. Erstmals sehe ich den Haupteingang. Bin ja durch die Notaufnahme ins Krankenhaus gefahren worden.

Viele können es nicht oder nur schwer nachempfinden, wie ich mich fühle. Endlich sehe ich wo die Cafeteria ist, sehe ich die „Raucher-Bänke“ vorm Krankenhaus. Und auch meine Station kann ich nun bewusst erkunden. Die Ausschüttung der Endorphine bewirkt ein tolles Glücksgefühl, welches mich in der kommenden Nacht – trotz Marios Holzfällertätigkeiten – sehr gut schlafen lässt.

Mittwoch, 19. Mai 2010

Nach einer angenehmen Nacht wasche ich mich sofort. Wir sind zwar noch nicht geweckt worden, aber es ist schon kurz vor 7 Uhr. Direkt danach ziehe ich mich an und laufe mit meinem Gehwagen ein paar Runden durch die Station. Anerkennend nicken mir die Schwestern und Pfleger bei meinem Frühsport zu.

 An diesem Tage laufe ich noch häufiger durch das ganze Gebäude. Allerdings darf ich das linke Bein immer noch nicht belasten. Aber es tut so gut, sich zu bewegen.

Heute wird Mario entlassen. Die Nacht ist ein Segen der Ruhe. Wiederum schlafe ich sehr gut.

Donnerstag, 20. Mai 2010

Genau wie gestern jogge ich morgens durch das Krankenhaus. Heute sollen auch meine Achselkrücken geliefert werden.

Bei der Visite sagt der Arzt, dass ich – sobald ich an den Krücken gehen kann – das linke Bein mit 20 kg Gewicht belasten darf. Ebenfalls stellt er mir die Entlassung für Montag in Aussicht.

Nachdem die Krücken da sind, mache ich mit Heiner die ersten Gehversuche. Auch dieses gelingt prächtig. Die 20 kg Gewicht für mein linkes Bein kann ich glücklicherweise gut abschätzen. Heute ist nichts mehr sicher vor mir. Bis auf den Besucherparkplatz laufe ich heute. Schaue mir Schwester Ophies Toyota Previa genauso an, wie die Yamaha von Pfleger Thorsten.

Abends bin ich so müde und aufgedreht wie noch nie. Beruhigt schlafe ich ein und wache am kommenden Morgen erst nach 7 Uhr auf.

Freitag, 21. Mai 2010

Bei der Visite wird mir mitgeteilt, dass ich schon am Samstag aus der Klinik entlassen werde. Wegen guter Führung wahrscheinlich 🙂

Schwester Ophie zieht mir die Fäden. Morgen darf ich endlich auch Duschen gehen!

Mario kommt zu Besuch. Er ist erstaunt, wie gut ich mich schon bewegen und laufen kann.

Morgens quält Heiner letztmalig meine Hand. Es tut gut zu sehen, wie beweglich diese schon geworden ist. Auch Heiner ist zufrieden, obwohl er immer noch meine Schmerzgrenze findet.

Am Nachmittag übt er mit mir Treppen steigen. Glücklicherweise mache ich auch diese Übung intuitiv richtig. Der Abschied von ihm ist herzlich. Heiners Übungen habe ich viel zu verdanken.

Nachdem Ophie Feierabend macht, begleite ich sie zu ihrem Auto. Wir unterhalten uns gut und werden in Kontakt bleiben.

Das Becken wird nochmals geröntgt. Wie ich den Röntgenraum wieselflink auf meinen Krücken verlasse höre ich hinter mir die Röntgenärztin fragen: „Sind Sie der Motorradfahrer?“ Ich erwidere mit einem „Ja“ worauf sie meinte, dass ich mich ja ganz toll entwickelt habe. Sie hatte nämlich am Unfalltag meine Röntgenbilder gemacht und dadurch einen guten Vergleich von vorher zu nachher. Ihre Aussage erfüllte mich ebenfalls mit Stolz!

Der Freitag war ein sonniger Tag, an dem ich mich viel draußen aufhielt. Bis 19.30 Uhr war ich vor dem Krankenhaus und nachher setzte ich mich noch auf den Balkon der Station.

Um 22.30 Uhr schlief ich in meinem Bett ein.

Die Motorradkleidung

Bei meinem Unfall trug ich glücklicherweise Schutzkleidung.

Sturzhelm: Schuberth C3, Helm blieb unversehrt, da ich nicht mit dem Kopf aufschlug. Visier flog dennoch weg.

Handschuhe: Held Touringhandschuhe, einen Tag zuvor bei Louis gekauft.

Motorradkombi: RUKKA, Jacke und Hose waren mit Reißverschluss verbunden. Jacke ohne Schäden, Hose am linken Oberschenkel leicht gerissen.

Stiefel: Daytona Touring Stiefel, unbeschädigt

Insgesamt eine perfekte Ausrüstung, die mich vor größeren Verletzungen bewahrt hat.

Samstag, 22. Mai 2010

Zähneputzen, Frühstücken und dann Duschen! Wahnsinn. Begebe mich alleine in den Duschraum, setze einen Hocker in die Dusche und mich anschließend auf ebendiesen. Singe Lieder, flöte fröhlich und genieße bestimmt 20 Minuten lang das warm/kalte Nass.

Gegen 10.30 Uhr verlasse ich die Station und das Krankenhaus aufrechten Ganges. Drohe den Schwestern und Pflegern noch mit diesem Bericht.

Ich komme wieder. Nicht als Patient, sondern als Gast und Freund.

Hier möchte ich nochmal eine Lanze für alle Krankenschwestern und Pfleger brechen. Dieser Beruf ist Weltanschauung und Überzeugung. Jeder, der diesen Beruf ausübt, kann total stolz auf sich sein. In Deutschland ist dieser Beruf leider stark unterbezahlt.

Vor der Arbeit und Hingabe des Pflegepersonal, speziell natürlich auf meiner Station, möchte ich ausdrücklich meinen Hut ziehen. Bitte macht weiter so!

Ihr seid die wahren Helden!

Danke!

Mai 2010

Epilog

Dieser Bericht soll jedem Mut machen, dass man mit positiver Einstellung und starkem Willen alles wieder möglich machen kann.

Auch ich hatte und habe noch Schmerzen. Jedoch versuche ich meinen Humor nicht zu verlieren. Humor, die Einstellung zur Krankheit und disziplinierter Willen helfen jedem zu schneller Genesung.

Dass mein Motorrad zerstört ist, dass die Schuldfrage nicht eindeutig geklärt ist, dass noch viele Dinge auf mich zu kommen werden, könnte mich belasten.

Aber die Freude, dass ich noch am Leben bin, dass sich so viele Menschen nach meinem Wohlergehen erkundigt haben (was mir sehr beim Genesungsprozess geholfen hat) und dass ich bald wieder alles machen kann wie früher, überwiegt alles andere.

Ich empfehle jedem:

Positiv denken, positiv handeln! Dann wird alles gut!

Nachtrag – was ich über die Krankenhausbesatzung so alles erfahren habe… 🙂

 Heiner wohnt in einer kleinen Straße in Ahrweiler, fährt einen Opel Meriva mit Gasumbau und holt sich Anfang Juni seine 600er/800er Chopper vom Motorradhändler ab.

Dr. Schneider ist aus dem südlichen Westerwald (Heimbach/Goldbach), hatte dort eine Arztpraxis und ist erst seit 3 Monaten als Oberarzt und Chirurg im Krankenhaus tätig.

Schwester Olga ist 51 und gebürtige Kasachin. Sie hat vor der Ausbildung zur Krankenschwester eine andere Ausbildung gemacht.

Schwester Ophie fährt einen blauen Toyota Previa XL ohne Klimaanlage mit 140.000 km Laufleistung. Sie ist 61 Jahre alt und lebt seit 1973 in Deutschland. Ihre 18 jährige behinderte Tochter ist ihr ein und alles. Die Schwester von ihr wohnt in Vancouver. Ophie wohnt in Ringen und pflegt eine kranke Freundin. Eine neue Heizungsanlage hat sie sich in ihre eigene Doppelhaushälfte gerade  einbauen lassen. Sie besitzt ein neues i-Phone mit Bose-Kopfhörern.

Pfleger Matthias war, wie ich, schon mal am Nordkapp. Er hat zwei Töchter. 2013 will er mit dem Wohnmobil wieder zum Kap, da die Midsommarnacht in die deutschen Schulferien fällt. Meine Nordkapp-DVD hatte ich ihm ausgeliehen und er lieh mir ein Buch über den Winter am Kap.

Thorsten wohnt im Nettetal und ist ebenfalls Motorradfahrer. Seine Yamaha XJ habe ich mir vor dem Krankenhaus ausgiebig angeschaut.

Ines ist Ende Februar 1969 geboren und hat 3 Kinder. Die bald 18 jährige Tochter stammt von ihrem 2 Jahre jüngeren Ehemann und wurde geboren, als beide noch nicht verheiratet waren. Sie wuchs in Menden im Sauerland auf, kennt den Ort Oberrödinghausen und wohnt jetzt in Remagen. Der Sohn Jan hat am 19. Mai Geburtstag.

Eine Schwester heißt Claudia und hat sich einmal abends von Ihrem Mann eine Pizza in den Ofen schieben lassen. Telefonisch bestellt sozusagen.

Die rothaarige Schwester kommt gebürtig aus Fürstenwalde. Sie „berlinert“ ebenso wie ihre schwarzhaarige Kollegin Mireen, die aus Lauchhammer in der Lausitz stammt.

Mireen fährt eine Yamaha Fazer FZ1 mit 150 PS. Außerdem spielt sie in Ahrweiler Volleyball und kennt meinen Sportskameraden Holger.

Der Assistenzarzt Igor kommt aus St. Petersburg und war auch schon mal in Murmansk. Dort gibt es sehr viele Mücken – wie er mir sagte.

Der Stationsarzt Dr. (ich weiß den Namen nicht mehr) wohnt in Köttingen im ehemaligen Haus meines Bekannten Peter May. Luftlinie 500 Meter von meinem früheren Wohnsitz entfernt.

Assistenzarzt Dr. Zohour ist kompetent, freundlich und hat immer einen motivierenden und freundlichen Spruch auf Lager, auch den Genitalbereich betreffend.

Die 19 jährige Auszubildende, die ein Tattoo am rechten Fuß hat, mit ihrem Freund gerne Pizza-Essen geht und für das erste Lehrjahr schon sehr erfahren wirkt.

Die schönste Seite der Eifel